Entführung nach Hause

Entführung nach Hause

Entführung nach Hause

Der zwölfjährige Waisenjunge Libor lebt seit dem tödlichen Motorradunfall seiner Eltern bei reichen Verwandten. Er hat dort alles, was man für Geld kaufen kann, aber er erfährt keine Liebe. Er wird in der Hoffnung auf Lösegeld entführt und kann den Entführern entfliehen. Durch Zufall gerät er zu einer Familie, die in einem stillgelegten Bahnhof am Rande des Böhmerwaldes, irgendwo in der Nähe von Krumau, ein turbulentes Leben führt. Dort wird Libor von zwei Adoptivkindern selbst “adoptiert”. Die Beharrlichkeit, mit der die zwei Kinder sich des unbekannten Jungen annehmen und seine Aufnahme in der Familie in die Wege leiten, ist beeindruckend. Nach vielen dramatischen Momenten muss sich schließlich Libor entscheiden, ob er bleibt oder zurück zu seinen reichen Verwandten geht. Er muss sich selbst die Frage beantworten, wo sein Zuhause ist.

Eine schöne Erzählung, die ein zentrales Thema der Kindheit thematisiert: die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man so sein kann, wie man sein will, an dem man aufgehoben und behüttet ist von liebevollen Menschen. Gleichzeitig eine Liebeserklärung der Autorin an “einfaches”, ländliches Leben in ihrer Heimat, an dunkle Wälder, an einsame Gehöfe, an Orte, die Kindern viel freies Betätigungsfeld bieten. Nach dem Buch wurde ein Film gedreht.

aus Eselsohr, der Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendmedien
Ellermann Verlag 1996

Ich öffnete die Tür und steckte die Nase in den Regen. Die Pfeile zeigten an, dass sich die Toiletten hinter der Waschanlage befanden. Ich sprang über die nächste Pfütze und lief hin. Die Toilette lag im Halbdunkeln. Das Licht kam durch das schmale Fenster über der Tür, und keine der Lampen an der Decke war an. In den Kabinen war es noch dunkler. Man konnte nicht einmal die Klopoesie entziffern. Ich folgte schnell dem Ruf der Natur, spülte und öffnete die Tür. Sie standen in dem engen Flur vor der Tür. Es waren zwei – wie aus dem Lied von Dan Landa ausgeliehen. Geisterhaft. “Schön das Maul halten, Freundchen”, sagte der Kürzere, bevor ich Gelegenheit hatte, aufzukreischen. “Wenn du keinen Scheiß baust, bleibst du ganz!” “Was wollt ihr?”, fragte ich. Die Angst schnürte mir den Hals zu. Man konnte mich kaum hören. “Nicht labern, mitkommen!”, wies mich der Kurze zurecht und kickte die Tür auf. Draußen, direkt vor der Toilette parkte ein grüner Transit. Die Seitentür stand offen. “Rein mit dir!”, zischte der Größere. Er war gut eins neunzig groß und machte ein ziemlich böses Gesicht. “Wird´s bald? Los, los, los!” Ich sah mich nach den in der Schlange stehenden Wagen um. Wenn ich laut aufschreien würde, könnte Herr Madera mich vielleicht hören. Vielleicht auch nicht. “Du weißt doch, keinen Scheiß!”, knurrte mich der Kurze an und stieß mich in die Rippen. Er ließ mich seine Pistole sehen, die er unter der Jacke versteckt hielt. Ich stieg ein. Sie schoben die Tür zu und schlossen sie von außen ab. Dann sprangen sie auf die Vordersitze. Der Kurze saß am Steuer. “Setz dich auf die Kiste”, befahl er. Im hinteren Teil des Wagens stand eine große Alukiste. Sonst gab es da nichts, nur einige Stoffetzen und Säcke. Ich setzte mich auf die Kiste und sah durch diche Windschutzscheibe, wie wir von den Toiletten zum Parkplatz abbogen, an ihm vorbeifuhren und von der anderen Seite wieder zu den Zapfsäulen kamen. Dort sah ich nochmal Herrn Madera. Er hängte gerade die Tankpistole an ihren Platz zurück. Mehr konnte ich nicht sehen, weil wir auf die Straße fuhren und uns schnell entfernten. Wenn du glaubst, dass ich dort ganz ruhig hockte und aus dem Fenster starrte, dann irrst du dich aber gewaltig. Ich zitterte vor Angst, und meine Knie wurden weich. Ich flennte auch ein wenig. Nicht dass ich erwartete, Mitleid zu erwecken – ich konnte mir einfach nicht helfen. Ich sah die Säcke auf dem Boden und die große Kiste und fragte mich: Wozu all das? Wollen die zwei etwa ein Leiche hier drin verstecken? Du weißt bestimmt, an wessen Leiche ich dabei dachte!

ein Ausschnitt aus dem Buch

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