Die Nackten

Die Nackten

Die Nackten

Ein heißer Sommer, Berlin und das wilde Niemandsland an der tschechischen Grenze – das ist die Kulisse für das Leben fünf ganz verschiedener junger Menschen: Sylva ist eine Hochbegabte, findet nichts öder als Schule und ist am liebsten nur in der Natur. Niklas hat ein Faible fürs Filmemachen, verliert sich aber mit der bildschönen Evita in der Drogenszene auf der Suche nach dem absoluten Glück, mit immer härteren Trips. Filip ist verliebt, steht sich aber mit seiner intellektuellen Art selbst im Weg. Bis er einem wundervollen Mädchen begegnet, und ihn nichts mehr aufhalten kann. Robin steht unter dem Pantoffel seines Vaters, versteckt sich vor sich selbst. Da begegnet er Sylva und macht mit ihr etwas völlig Verrücktes …

Sauerländer Verlag 2008

Literarische Short Cuts sind es, die Iva Prochazkova hier presentiert. Szenen, in Berlin und Umgebung sowie in Tschechien angesiedelt, die sich nur marginal überlappen, immer aber aufeinander verweisen, was für die Lektüre von besonderem Reiz ist. Die Autorin begleitet ihre Figuren mit einer hochempfindlichen Kamera, um überall dort innezuhalten und aufzuzeichnen, wo etwas unter die Haut geht. Sei es die Sinnlichkeit, mit der Sylva die Natur wahrnimmt, die sengende Hitze, die über allem liegt,Niklas, der nervös Evitas Herzschlag unter ihren Rippen nachspürt, oder seien es die Geschichte von Evitas Trips – Sehnsuchtsträume, geschart um das Motiv der Unerreichbarkeit, die das Leben des Mädchens prägt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.11. 2008

Das Buch war auf der Deutschlandfunk – Liste: die besten 7 Bücher für junge Leser (August 2008) und bekam zwei Nominierungen für den Jugendliteraturpreis 2009

„Fällt denen nicht auf, dass wir nicht mehr mit im Esssaal sind?“

„Doch, aber erst später.“
Melindas Lippen. Ihr Pullover mit norwegischem Muster.
„Kann ich ihn dir ausziehen?“
„Liebst du mich?“
Nur der verschneite Hang hinter dem Fenster bringt Licht in das dunkle Zimmer.
„Warum hast du das Licht ausgemacht?“
„Ich schäme mich. Ich war noch nie mit einem Jungen … so.“
Der Pullover ist weg. Das T-Shirt auch. Noch der BH.
„Kann ich ihn dir aufmachen?“
„Liebst du mich, Robin?“
Endlich die Hände auf dem nackten Körper. Er ist warm, geschmeidig. Bebt.
„Ist dir kalt?“
„Nein. Und dir?“
„Mir auch nicht. Aber wir können …“
Das Gefühl wachsender Hast. Schon sind sie im Bett. Sie flüstern immer noch.
„Liebst du mich?“
Der Umriss ihres Kopfes auf dem Kissen, mehr ist in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Ohne die Beteiligung der Sehkraft werden die anderen Sinne schärfer. Melindas Haut riecht nach bitteren Mandeln. Schmeckt nicht so.
„Was war das?“
„Ich hab dich abgeleckt.“
„Bist du nicht ein bisschen komisch?“
„Ich wollte wissen, wie du schmeckst, was findest du daran komisch?“
Als er ihren Schenkel berührt, ist er wie elektrisiert. Er schmiegt sich heftig an sie.
„Ich habe Angst, Robin.“
„Angst? Vor mir?“
Er lacht gezwungen über ihre Worte. Ihm ist nicht zum Lachen. Er ist bis zum Platzen gespannt.
„Lach nicht. Liebst du mich?“
Nicht mal flüstern kann er mehr. Alles tut ihm weh, so gespannt ist er. Warum muss es so sein? So stressig? Er würde sie gerne streicheln, sie schmecken, ihre Hände über seinen Körper gleiten lassen. Er würde die Grenze gerne langsam überschreiten. Stattdessen hastet er kopflos zum Ziel.
„Warte … Robin, nein … ich will nicht. Lass es Robin!“
Lassen? Jetzt lassen? Das geht doch nicht! Das kann sie nicht ernst meinen! Sie sagt das bestimmt nur so. Für sie ist es das erste Mal. Für ihn auch.
„Hab keine Angst, es wird gut“, beruhigt er sie, obwohl er selbst nicht ruhig ist. Er hört seine gebrochene Stimme. Er ist in einem Sturm, der ihm den Atem verschlägt. Der mitreißt. Er kommt nicht dagegen an.
Plötzlich ein Kreischen.
„Kannst du mir nicht antworten? Ist es so ein Problem für dich, auf eine einzige Frage zu antworten?“
„Welche …“, stößt er hervor, „… welche Frage?“
„Ich habe dich gefragt, ob du mich liebst!“ Sie schiebt ihn von sich weg. “Liebst du mich?“
„Nein.“ Sie will eine Antwort von ihm, sie soll sie haben. „Ich liebe dich nicht.“
Und dann direkt in ihr Ohr. Genau so laut wie sie. Damit sie es ja nicht überhört. Damit sie endlich mit der Fragerei aufhört.
„Ich liebe dich nicht, Melinda! Lie – be – dich – nicht!“

Ein Ausschnitt aus dem Buch

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