Carolina

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Einen knappen Lebenslauf soll die 16jährige Carolina für ihre Lehrerin an der Schauspielschule in Prag schreiben, aber “Knappheit war noch nie meine starke Seite”, und so erfährt der Leser viele bewegende, aber auch amüsante Details aus dieser Jugend, die sich in den neunziger Jahren in der Nähe von Prag abspielt. Carolina erzählt von ihren Großeltern und Eltern, davon, dass sowohl ihr Großvater als auch ihr Vater in der damaligen Tchechoslowakei als politische Gefangene inhaftiert waren. Einen besonderen Platz in Carolinas Leben nahm schon immer ihre in Prag lebende Großmutter ein, unerschüttlich, lebensklug und humorvoll. Carolina steckt zuerst ihre in mancher Hinsicht ungewöhnlichen, doch geordneten und durch liebevolle Familienbande gefestigten Lebensbahnen ab, bevor sie zum wichtigsten Thema ihres gerade sechzehnjährigen Lebens kommt: Lev, der Löwenmähnige, der coolste Typ ihres Heimatortes, in den sie sich mit nicht ganz 14 Jahren verliebt. Weil Lev aber vier Jahre älter ist, scheint ihre Beziehung chancenlos zu sein, obwohl Lev zu seinem eigenen Erstaunen Carolinas Gefühle erwidert. Ein Unfall, Gefühlschaos, zerbrochene Träume, Missverständnisse und das von ihren Eltern geforderte Versprechen, Lec ein Jahr nicht zu treffen, stürzen Carolina in eine Krise. Dass man das Buch nicht aus der Hand legt, liegt an der großen Erzählbegabung der Autorin, die “als Tochter des bekannten tschechischen Autors Jan Procházka in Mähren geboren”, zwar in deutscher Sprache schreibt, doch viel vom Humor und Bilderreichtum osteuropäischer Sprachkultur mitbringt. Wie schon ihre Heldin Kapka in ihrem preisgekrönten Kinderbuch Die Zeit der geheimen Wünsche ist dem Leser auch hier das Mädchen Carolina von der ersten Seite an vertraut und lebendig. (.) Unter all den vielen Jugendromanen mit düsterer Problematik fällt Carolinas Lebenslauf als eher unspektakulär auf, aber er ist lebendig und packend und mit viel Gesür für die Gefühle und Geheimnisse junger Leute erzählt und daher sehr zu empfählen. aus Lesebar, Okober 1998

Sauerländer Verlag 2010

Knappheit, wie ich gleich zu Anfang erwähnen muss, war noch nie meine starke Seite. Ich mag Details, scheinbar nebensächliche Bemerkungen – alles im Hintergrund Versteckte ist mir wichtig.

Der Zeitraum, das ist mein nächstes Problem. Sie, Frau Haschlerka, finden es höchstwahrscheinlich richtig, wenn ich meinen Lebenslauf mit dem 2. April 1982 beginne, an dem ich geboren wurde, aber schließlich habe ich selber keine Erinnerung an diesen Tag. Es war jedenfalls ein Freitag, so viel ist bekannt. Daddy behauptet, es hätte geregnet, aber Mama sah am Fenster des Kreißsaales kleine Sonnenflecken flimmern. Oma, die schon damals anfing mein Leben zu beeinflussen, weiß noch genau, dass die Drogerie in der Kladenskastraße, wo sie damals arbeitete, mit bunten Nachttöpfen auf kleinen Rädchen beliefert wurde – zu jener Zeit etwas völlig Neues in Prag. Schnell kaufte sie mir einen, da sie sich aber nicht zwischen einem blauen und einem rosafarbenen entscheiden konnte, wählte sie zuletzt einen grünen, womit sie auf mein Schicksal und meinen Geschmack ganz enorm einwirkte. Seit meiner frühen Kindheit liebe ich grün. Es gibt mir Kraft, Mut. Wenn ich nichts Grünes anhabe, weiß ich, dass ich Pech und Misserfolg erwarten kann. Damals, als ich vom Kirchturm in Ranow fiel, hatte ich eine Bluejeans und ein gelbes Shirt an. Deswegen brach ich mir das Schien- und das Schlüsselbein. In der Hosentasche war durch ein glückliches Versehen ein grünes Kinoticket versteckt, zerknüllt und verwaschen. Deswegen überlebte ich den Fall. Doch das nur nebenbei.

Von den ersten Jahren meines Lebens weiß ich, kurz gesagt, ungefähr so viel wie von den Kinderjahren Shakespeares. Noch kürzer gesagt: nichts. Angeblich habe ich einigen Unsinn angestellt. Na ja, alles nur Kleinigkeiten, wie bei jedem Kind. Ich verschluckte die Axt eines Playmobilritters. Ich ging meinem Vater auf dem Prager Hauptbahnhof verloren – man fand mich in Pilsen auf dem Marktplatz wieder. Ich trank Mutters Nagellackentferner. Ich vergaß den Wasserhahn zu schließen und verursachte eine Überschwemmung in meinem Kindergarten. Ich schnitt mir ein Stück von Omas bester Theaterbluse ab, weil ich eine Puppendecke nähen wollte. Ich aß Katzenvitamine, die den Haarwuchs verstärken. An all das kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht sind es Lügen. Vielleicht war ich ein braves, langweiliges Kleinkind und die Erwachsenen haben sich diese Geschichten später ausgedacht um in mein und ihr Leben ein bisschen Spannung zu bringen. Oder aber ich habe das Ganze in einer Art kindlichem Winterschlaf erlebt, aus dem ich erst bei Frau Libalova erwachte.

Frau Libalova hatte einen langen Hals und lange, samtige Haare, die auf dem Hinterkopf mit einer silbernen Haarspange befestigt waren. Sie leitete ein Ballettstudio in der Nähe vom Stadtpark und weckte mich aus dem besagten Winterschlaf oder was immer das war, indem sie den großen Schrank in ihrer Garderobenecke öffnete und mir eine Reihe von Tütüs und Röckchen zeigte, nach denen sich alle Mädchen sehnen und bestimmt auch viele Jungen, nur haben die Pech, weil sie sie nie bekommen werden.

Ein Röckchen war grün, darauf zeigte ich. Das Tütü schlotterte ein wenig an mir herum, aber Mama kürzte die Ärmelchen und bezahlte dann die Ballettstunden für mich. Sie war jedoch viel zu beschäftigt um mich hinzubringen, so dass Oma es übernahm, mich zu begleiten. Das hatte viele Vorteile. Vor allem den, dass Oma sich mit Ballett auskannte, denn sie hatte früher im Ensemble des Nationaltheaters getanzt. Wenn mir Frau Libalova quer durch den ganzen Saal ihre üblichen Bemerkungen zurief, wie: “Carolina, dein Rücken ist steif! Blas deinen Bauch nicht wie einen Luftballon auf! Arsch rein! Hat deine linke Schulter keine Lust mehr? Atme im Relevé, sonst läufst du blau an!”, dann erschrak Oma weder über die harten Ausdrücke meiner Lehrerin noch über meine scheinbare Unbeweglichkeit, sondern sie übte danach mit mir zu Hause genau die Bewegungen und Positionen ein, die mir zu schaffen machten.

Sie kennen sich ja wohl in Prag aus, also muss ich Ihnen den Weg von unserem Bezirk Klarow bis zum Stadtpark nicht beschreiben. Im Winter fuhren wir mit der Straßenbahn, im Frühling und Herbst liefen wir über die Letna-Ebene. “Oma, erzähl doch was!”, begann ich meistens gleich vor der Haustür zu betteln. Oma weigerte sich anfangs immer. Sie tat so, als ob das Erzählen sie erschöpfte, langweilte. Es war nur ein Spiel. Sie spielte es um ihre Geschichten kostbarer zu machen. In Wirklichkeit erzählte sie gerne, weil sie sich dabei Gefühle und Menschen in Erinnerung rief, die sie sonst vielleicht vergessen hätte. Zum Beispiel die dicke Kommissarin, die vor langen Jahren Oma in ihr Büro befohlen hatte um ihr mitzuteilen, dass es nicht möglich sei, Oma weiterhin im Ballettensemble des Nationaltheaters zu behalten, weil ihr Mann ein Verräter sei und im Gefängnis sitze.

“Ich habe ihn da nicht hingesetzt”, antwortete Oma, die seit jeher gut kontern konnte.

Die dicke Kommissarin wusste Omas Schlagfertigkeit nicht zu schätzen. “Das Nationaltheater ist die erste Bühne dieses Staates und wir lassen nicht zu, dass dort Leute angestellt sind, die die alte Denkweise befürworten!”, erklärte sie Oma und schmiss sie aus dem Theater raus. Sie musste stattdessen Mittagessen in der Schulkantine am Friedensplatz kochen.

Ausschnitt aus dem Buch

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